Flüchtlinge: Der Traum von einem besseren Leben

Sie fliehen vor Terror, Krieg und Tod auf der Suche nach
einem sicheren, normalen Leben. Dabei durchqueren sie die Wüste, fahren
über das Mittelmeer und landen am Schluss in Sammelunterkünften, in
denen sie für Jahre bleiben. Eine crossmediale Reportage über das
Schicksal von Flüchtlingen.

Den Blick auf die Hände gesenkt, überlegend lehnt sich Abera Bekele an das Fensterbrett des Flüchtlingswohnheims in Nürnberg. Nicht weit weg steht ein weiterer Flüchtling und passt auf das kleine Kind auf, das schreiend hin und her läuft. Es versucht zu spielen. Abera Bekele fängt an, erzählt von sich und wie er nach Deutschland gekommen ist und warum. Während er spricht stockt seine Stimme immer wieder. Man sieht ihm den inneren Kampf an. Er will die Gefühle nicht zeigen, doch diese haben ihn nach der langen und verlustreichen Reise gezeichnet. Abera kommt aus Äthiopien, einem Land am Horn von Afrika. Die Krisenregionen Eritrea, Somalia, Sudan und Dshibuti grenzen an den Binnenstaat. Dazu ist Äthiopien mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 457 Euro eines der ärmsten Länder der Welt. Doch auch Rassismus und Rassentrennung herrschen in dem ostafrikanischen Land, wenn auch in einer anderen Form. Wie in vielen afrikanischen Ländern leben auch in Äthiopien verschiedene Volksgruppen zusammen. Die Oromo, die Volksgruppe der auch Abera Bekele angehört, fühlen sich missverstanden und nicht gewollt. Besonders unterdrückt fühlen sich die Oromo, die zahlenmäßig die größte Volksgruppe darstellen, von den Amharen, der zweitgrößte Ethnie. Diese haben auch die Sprachhoheit. So gilt Amharisch als einzige legitime Amtssprache. Weiter beklagen die Oromo eine Unterdrückung durch die äthiopische Zentralregierung. Die Oromo-Befreiungsfront setzt sich auch gewaltsam, jedoch weitestgehend erfolglos, für einen unabhängigen Oromo-Staat ein. Daran hat sich inzwischen etwas geändert, besonders seit Mulatu Teschome im Oktober 2013 Präsident des Landes wurde. Teschoma, der selbst zum Stamm der Oromo gehört, setzt sich effektiv für Veränderung und mehr Selbstbestimmungsrecht der Oromo ein. Doch es ist zu spät für Abera, der schon 2011 Richtung Europa aufbrach.

„Wenn man aus Äthiopien kommt, kommt man nicht geradewegs nach Deutschland”, sagt Bekele mit einem angestrengten Lächeln. Seit sieben Monaten ist er in Deutschland und weiß nicht wie es weitergehen soll. Er wollte in Freiheit und Frieden leben, doch nun wohnt er in einem „kleinen Raum mit vier unbekannten Leuten“. Er weiß nicht was er machen soll. Das sieht man ihm an. So schaut er immer wieder an die Wand, auf seine Hände oder an die Decke um den Schmerz zu überdecken und zu verdrängen. Schmerz über den Verlust seiner Familie, die weiter in Äthiopien lebt. „Ich wünsche mir nichts mehr, als sie bei mir zu haben. Aber ich weiß nicht wo sie sind“, so Abera Bekele, während ihm eine Träne in die Augen läuft. Sofort schaut er kurz auf seine Hände und fasst sich. Es kommt einem so vor, als wolle er keine Gefühle zeigen, den Schmerz verdrängen. Den vielen Tod, den er auf seinem Weg gesehen hat nur vergessen. So tun, als sei das Morden in Libyen nie passiert. Die Schüsse, die einen nicht einschlafen lassen und die Abera in der Nacht immer noch hört. Doch noch weiß er nicht, ob er hier bleiben kann und darf. Vorerst hat er ein Bleiberecht erhalten, da die Bundespolizisten nicht nachweisen konnten, dass die italienischen Behörden ihn schon hatten. Dass er in Italien war, gibt er offen zu: „Fünf Tage war ich in Italien, dann bin ich mit einem Zug nach Frankfurt gefahren.“

Der perfiden Verordnung nach muss das Land dem Flüchtling Unterkunft gewähren, in dem dieser zuerst ankommt. Dies trifft besonders Italien und einige Staaten im Osten Europas, so wie Bulgarien und Polen. Aufgrund des dortigen Umgangs mit Flüchtlingen werden Asyl-Suchende jedoch nicht dorthin zurückgeschickt, solange sich die Lage nicht maßgeblich verändert. Das erlebte die aus Tschetschenien kommende Charieva am eigenen Leib. Nachdem ihr Mann im Bürgerkrieg mit Russland fiel, floh sie mit ihren beiden Söhnen. Ihr ganzen Geld gab sie einem Schlepper, der sie bis nach Polen brachte und dann plötzlich verschwand. 2100 Euro waren bis dahin weg, wenig noch übrig. Als sie Asyl in Polen beantragte, wurde sie verhaftet und für zwei Monate in Haft gesteckt, bevor man sie nach Deutschland ausreisen lies.

Mariam mit ihrer Familie

In dem selben Heim wie Charieva lebt auch eine kurdisch-irakische Familie. Mutter, Tochter und Sohn. Anfang Dezember kamen sie sicher in Deutschland an, nachdem sie fünf Länder durchquert hatten. An einem kleinen Tisch sitzt die Familie, eine Kanne warmen Wassers steht in der Mitte und kleine Tassen mit Tee gefüllt drum herum. Die beiden Kinder Samira*, 13 Jahre alt und Yasin*, sieben Jahre alt versuchen sich an den aufgegebenen Deutsch Hausaufgaben. Mariam sieht man den Stolz direkt an, als Samira das Bild dem richtigen Wort zuordnet. Auch sie lernt Deutsch, tut sich jedoch schwer damit. Mariam und ihre Familie kommen aus Kirkuk, eine Stadt im Norden des Irak und das Zentrum der irakischen Erdölindustrie.

IS-Anhänger sammeln sich

Dies macht die Stadt auch für die Kämpfer des Islamischen Staates (kurz IS) wertvoll. Die Kinder, sagt Mariam, haben ihr ganzen Leben lang nur den Krieg kennen gelernt. Der Einmarsch der Amerikaner und der damit verbundene Sturz des Diktators waren gut, der IS jedoch ist anders. Im Irak hätten sie in gutes Leben gehabt. Sie war Lehrerin für Arabisch und Kurdisch an einer kurdischen Schule und ihr Mann war… . Dann plötzlich stockt sie und schluckt. Ihr Mann ist in einem Gefecht gegen den Islamischen Staat gefallen. „Dann sind wir geflohen, wie so viele andere.“, sagt Mariam und man sieht ihr die Erleichterung an, die Erleichterung in Deutschland in Sicherheit zu sein.

Immer mehr Menschen fliehen vor dem Schrecken des Islamischen Staates. Keiner will in einem vom IS kontrollierten Gebiet leben. Die Stadt Rakka, die als Zentrum der selbsternannten Gotteskrieger gilt, ist ein trauriges Anschauungsobjekt. Der IS hat in ar-Raqqa (so der arabische Name der Stadt) ein Gewaltregime eingesetzt. Öffentliche Enthauptungen, Steinigungen und Berichte über öffentliche Folterung dringen durch. In der Stadt fehlt es am Nötigsten. Essen, Trinken und medizinische Versorgung sind zur Mangelware geworden. Wohlgemerkt für die Einwohner der Stadt, die IS-Kämpfer leben in Luxus. Doch der Öffentlichkeit verkauft der IS das anders. Die Propagandamaschine inszeniert die Stadt dabei als Juwel, als Vorbild für alle Städte in ihrem islamischen Kalifat.

Hinzu kommt der Strom von Kämpfer von überall auf der Welt. Auch die in Somalia ansässige Terrorgruppe Al-Shabaab hat schon lobend von den „Brüdern im Glauben“ gesprochen. In Somalia herrscht durch die Al-Shabaab Furcht und Schrecken. Weite Teile des Landes am Horn von Afrika stehen unter Kontrolle der Miliz. „Wenn man zwischen 10 und 25 Jahre alt ist, muss man die Waffen in die Hand nehmen, um in Somalia zu überleben“, so Absimil*, aus Somalia. Zusammen mit Daacad* steht er da. Es sind fast noch Kinder. Beide haben vieles durchleiden müssen. Die Flucht nach Deutschland, die Hoffnung auf Asyl und ihr Leben in Somalia. „Sie töteten die Männer vor uns und alle mussten zusehen. Wer nicht hinsah, wurde erschossen oder geköpft“, flüstert Daacad*. „Ich hatte keine Wahl außer fliehen. Mein Onkel ist unglücklicherweise einer der Kämpfer der radikalen Al-Shabaab und er sagte mir, entweder komme ich mit ihm, oder ich sterbe. Dann floh ich“, erzählt Absimil*, warum er nach Deutschland kam. In diesem Jahr kamen über 160.000 Flüchtlinge aus aller Welt nach Deutschland. Aus dem Grund ein Leben in Sicherheit zu leben. Keine Angst zu haben, jeden Tag getötet oder unbegründet ins Gefängnis gebracht zu werden.

*Name von der Redaktion geändert Titelbild:Quelle: Flickr; UNHCR (Lizenz: CreativeCommons)

Nathanael Meyer

Ich bin der Gründer und Chefredakteur von PolTec-Magazin und Student an der Technischen Hochschule Nürnberg GSO im Fach Technikjournalismus und Technik-PR (seit dem Wintersemester 12/13).
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