logo


Desertec: Ist das Wüsten-Projekt Europas zum Scheitern verdammt?

Die Standorte der Wüste.

(c) desertec Foundation

Aus dem Weltall sieht man gut, wer die größten Energiekonsumenten der Welt sind. Die Städte Europas und Nordamerikas leuchten noch in der Nacht. Ein Wohlstand dank ausreichender Energie. Um diesen Komfort, trotz Abschaltung der Atomkraftwerke (AKW), aufrecht zu erhalten gibt es bereits Pläne. Mehr als tausend Kilometer Kabel, sollen den ertragreichen Sonnenstrom der Sahara nach Europa transportieren.

 

Vor fünf Jahren wurde das vielversprechende Projekt gegründet. Nun droht es an internen Streitigkeiten zu scheitern. Nachdem mehrere Unternehmen, wie Siemens oder Bosch die Desertec Industrie Initiative (DII) bereits verlassen haben, folgte ihnen nun auch der Initiator und Namensgeber, dieses gewagten Projekts. Die Desertec Foundation kündigte ihre Mitgliedschaft im größten Konsortium der Welt und droht nun mit dem Entzug der Namensrechte.

Trotz des Ausstiegs glaubt die Desertec Stiftung weiterhin an die Realisierbarkeit des Projektes. „Wir glauben weiterhin fest an unsere Ziele und werden diese auch weiter verfolgen. Das Ziel von DESERTEC ist und bleibt, die enormen Potentiale der Wüsten weltweit zu nutzen, um den steigenden Energiebedarf der Erde langfristig zu decken.“, so Pressesprecher der Desertec Stiftung Andreas Huber.

 

Das Projekt Desertec ging 2009 aus dem Club of Rome, dem Gremium im dem vorwiegend alte Männer über die Rettung der Welt sinnieren, hervor. Im Juli 2009 unterzeichnete die Desertec Foundation zusammen mit der Münchener Rückversicherung und elf anderen Firmen eine Vereinbarung zur Durchführung von Desertec. Aus diesem ging im Oktober desselben Jahres die Desertec Industrie Initiative (DII) hervor. Für das Projekt wurden bisher knapp 400 Milliarden Euro als notwendige Investitionen berechnet.

Die Kündigung sei eine „Notmaßnahme“ gewesen, so Thiemo Gropp, Geschäftsführer der Stiftung, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Solarkraftwerke, wie sie Desertec plant. (c) Novatec

Solarkraftwerke, wie sie Desertec plant. (c) Novatec

 

Seit 2009 hat sich einiges verändert. So berichtete die Süddeutsche Zeitung, stelle die Planungsgesellschaft DII das ganze Projekt in Frage. Weiterhin würde in Europa kein zusätzlicher Strom benötigt. Die DII ist zerfressen von internen Streitigkeiten, so sollte 2016 eigentlich der erste Strom aus Marokko nach Europa fließen. Das scheint nun jedoch nicht mehr realisierbar. Das geplante 600 Millionen teure Kraftwerk Sawian 1 (Arabisch für Zusammenarbeit) ist „tot“, so ließ es DII Chef Paul von Son intern im April mitteilen. Laut Süddeutscher Zeitung sind die Gründe hierfür vielfältig, so zum Beispiel stellen die Verhandlungen mit dem verarmten Spanien, welches als Transitland fungieren sollte, eine Schwierigkeit dar.

Unstimmigkeiten, wie die mit Spanien aber auch weitere, veranlassten bereits viele Firmen, aus dem Konsortium der DII auszutreten. Die namensgebende Desertec Stiftung verfolgt nun, nach dem Ausstieg, andere Pläne und will ihr Programm weltweit bekannt machen:

„Die DESERTEC Stiftung wird sich verstärkt auf ihr Ziel konzentrieren, das DESERTEC-Konzept weltweit bekannt zu machen und den Boden für gute Rahmenbedingungen zur Umsetzung zu bereiten. Zu diesem Zweck ist sie nicht nur in Nordafrika tätig, sondern auch in Saudi-Arabien, Südost-Asien und jüngst in Chile, Peru und Brasilien“, so Andreas Huber. Die Ur-Idee der Desertec Stiftung beruht auf einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Aus dieser ging hervor, dass man „nur ein Prozent Wüstenenergie benötigt um die ganze Menschheit mit Energie zu versorgen“, so Dr. Thiemo Gropp, Vorstand der Desertec Stiftung in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk.

Schnitt durch ein HDVC-Kabel (c) wikimedia commons

Schnitt durch ein HDVC-Kabel (c) wikimedia commons/ Marshelec

Doch wie gelangt der Strom von Afrika nach Deutschland?

Die in den Wüsten Afrikas produzierte Energie soll über Hochleistungskabel, sogenannte HDVC Leitungen (High Voltage Direct Current = Hochspannungs- Gleichstromübertragung / HGÜ) nach Europa transportiert werden. Durch die Machart von HDVC Kabeln ergeben sich besonders niedrige Verluste über größere Distanz (drei Prozent auf eintausend Kilometer; (d.h. von Nordafrika bis Europa: ca 10 bis 15 % Energieverlust). Als Hauptenergieerzeuger gilt die Solarkraft, genauer Solarthermie. Nach dem Desertec Konzept sollen an verschiedenen Standorten in den Wüstenregionen mehr als 30 Solarkraftwerke gebaut werden. Dies sind, in der Planung, fast doppelt so viele CSP (Concentrated Solar Power) wie Windkraftanlagen.

Auch die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Regionen ist ein Ziel des Konzeptes Desertec. So sollen der EU-Raum und die MENA Staaten (Middle East & North Africa) enger zusammenwachsen. Ein Ziel des Projekts ist die Verbesserung der Infrastruktur der instabilen Länder Nordafrikas, und dadurch die Förderung des Wohlstandes. Zu diesem Ergebnis kommt auch die neuste Studie der DII GmBH in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut. Die Studie, veröffentlicht unter dem Titel „Desert Power 2050“, kommt zu dem Schluss, dass die MENA Staaten ihren Strombedarf rein aus regenerativen Energiequellen decken könnten, und zusätzlich eine Energie-Exportindustrie mit einem Jahresumsatz von 60 Milliarden Euro aufbauen. Europa könnte, so die Studie, durch den Import von Wüstenstrom jährlich knapp 30 Milliarden Euro sparen.

„Um optimal erneuerbare Energie zu nutzen, muss man in die Länder mit den größten Ressourcen gehen, und diese in Regionen mit der höchsten Nachfrage weiterleiten. Das ist die gemeinsame Zukunft für die EUMENA (EU Raum + MENA Staaten) Region“, so DII’s Management Director, Aglaia Wieland zu renewableenergyfocus.com

So gut sich das Projekt anhört, es hat auch viele Schattenseiten. Der interne Streit, der arabische Frühling, die Eurokrise.

Von Spiegel Online als Kampf der Kulturen betitelt, tobt schon seit längerer Zeit in dem Konsortium DII ein Zwist. Dies liegt vor allem an der Komplexität der Industrie Initiative, so sind einerseits große Firmen, wie E-on, RWE, andererseits Umweltschutzorganisationen (allen voran die Desertec Stiftung) vertreten. Dies führte, nach Spiegel Informationen, immer wieder zu Spannungen. Die Desertec-Stiftung habe sich schon lange über das Auftreten mancher Konzerne beklagt, sagen Insider. Fassungslos sei die Stiftung zum Beispiel über einen großen Energieversorger gewesen, der versuchte, ein riesiges Kohlekraftwerk in Chile zu bauen und gleichzeitig bei der Bundesregierung Subventionen für das Wüstenstromprojekt erhalten.

Der arabische Frühling, angefangen als Hoffnungsschimmer für mehr Demokratie und von Europa befürwortet, zeigt dieser Frühling jedoch wieunabwägbar die politische Situation im Großteil der MENA-Staaten ist. So spielen in den Planungen zum Beispiel, Algerien, Libyen und Mali eine Rolle. Nach dem kurzen Bürgerkrieg in Libyen folgte in Mali der Einmarsch radikaler Islamisten, welche nur mit Hilfe der französischen Truppen (Opération Serval) zurückgedrängt werden konnten. Nach Beginn dieser Operation besetzten Dschihadisten, in Algerien, eine Gasförderplattform und nahmen zahlreiche Geisel. Außerdem bemängeln Kritiker von Desertec, dass Europa schon heute teilweise aus Energieimporten von nicht vollends politisch stabilen Gegenden abhängig ist, wie der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine zeigt.

Jedoch sehen Befürworter, darin keinen Grund an der Versorgungssicherheit zu zweifeln. „Weltweit arbeitet ein großes Netzwerk von Menschen an DESERTEC, koordiniert von uns – der Stiftung.“ so Pressesprecher der Desertec Stiftung Andreas Huber.

Darüber hinaus, sehen Anhänger der Desertec Idee sogar mehr Sicherheit im Versorgungssystem, da es auf mehrere Erzeugungsländer verteilt ist und dadurch keine Abhängigkeit von einem oder zwei Ländern (wie bei der Gaslieferung durch Russland) besteht.

 

Auf einer internationalen Tagung der evangelischen Akademie Loccum, wurde bemängelt, dass das Desertec Projekt hauptsächlich für die europäische Bevölkerung gedacht ist, was sich, so die Kritiker, aus der Trassenlegung erkennen lässt. Des weiteren gehe die Planung von Desertec vollständig an den Ländern nördlich der Sahara vorbei, z.B. Äthiopien.

Desertec EU-Mena Karte (c) Desertec Foundation

Desertec EU-Mena Karte (c) Desertec Foundation

 

Trotz aller Differenzen und Probleme intern und extern planen die Verantwortlichen weiter, so auch die Desertec Stiftung, welche das vor 25 Jahren begonnene Programm nicht einfach aufgeben will.

„DESERTEC ist das Ergebnis von 25 Jahren Arbeit. Was als Idee nach Tschernobyl entstand, manifestierte sich mittlerweile als DESERTEC Konzept, welches von uns als Stiftung global verbreitet und vorangetrieben wird.“, so Pressesprecher Andreas Huber weiter: “Wir glauben weiterhin fest an unsere Ziele und werden diese auch weiter verfolgen. Das Ziel von DESERTEC ist und bleibt, die enormen Potentiale der Wüsten weltweit zu nutzen, um den steigenden Energiebedarf  der Erde langfristig zu decken.“

Ein Projekt reicht jedoch nicht aus um die ganze Welt nachts leuchten zu lassen, so gibt es neben Desertec noch verschiedene andere Konzepte, um mit umweltfreundlicher, regenerativer Energie dieWelt zu beliefern. In Planung sind momentan unter anderem Gobitech, wo Solar- und Windstrom aus der Mongolei in die dicht besiedelten und industriell hoch entwickelten Räume Ostchinas, Koreas und Japans fließen könnte, ebenso wie der Vorschlag der Australian National University in Canberra, mit kostengünstigem nordaustralischem Solarstrom Südostasien zu versorgen.

Von Nathanael Meyer

 

Ähnliche Artikel

Sommer-Sonne-Strom

Die Subventionslüge

 

 

 

 

Ich bin der Gründer und Chefredakteur von PolTec-Magazin und Student an der Technischen Hochschule Nürnberg GSO im Fach Technikjournalismus und Technik-PR (seit dem Wintersemester 12/13).
Gerne folgt mir auch auf meinen sozialen Kanälen 🙂
Ich bin der Gründer und Chefredakteur von PolTec-Magazin und Student an der Technischen Hochschule Nürnberg GSO im Fach Technikjournalismus und Technik-PR (seit dem Wintersemester 12/13). Gerne folgt mir auch auf meinen sozialen Kanälen :)

Hinterlasse einen Kommentar

*