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Markus Kaiser ist Geschäftsstellenleiter des Medien Campus Bayern, dazu unterrichtet er an mehreren Hochschulen journalistische Fächer. Während seiner Ausbildung hat er unter anderem bei der Deutschen Presse Agentur (dpa) und der Welt gearbeitet. In dem Interview verrät er uns seine Meinung zu der Medienwelt, gibt Tipps für junge Journalisten und mehr. Das Interview ist in Video und Text verfügbar.

 

 

Nun haben Sie regional gearbeitet bei der „Nürnberger Zeitung“, überregional bei der „Welt“, bei der „deutschen Presseagentur“ und im Sportbereich beim „Kicker“. Was sind die größten Unterschiede zwischen einer regionalen Zeitung und einer überregionalen Zeitung oder sogar einer Agentur?

Die Unterschiede sind eigentlich nicht mal so groß wie man denkt. Denn wichtig ist nach wie vor, man muss erstmal recherchieren, ich brauche einen Kern für die Nachricht und ob dann das Thema ein regionales oder ein überregionales ist, spielt oftmals von der Vorgehensweise als Journalist überhaupt keine allzu große Rolle. Ich muss auf jeden Fall jeweils sauber recherchieren und muss dann den Text schreiben. Bei einer Agentur habe ich natürlich noch mal weniger Zeit, da ist es ganz entscheidend sehr schnell zu sein. Zum Beispiel im Sportbereich möglichst mit dem Ende einer Sportveranstaltung sofort das Ergebnis zu präsentieren, danach nochmals nachklappen, eine Extraversion mit Stimmen zum Spiel oder zum Sportereignis zu liefern. Da habe ich natürlich bei der „Welt“ viel mehr Zeit um erstmal zu recherchieren, oftmals auch ein bis zwei Tage mehr, damit meine Geschichte mehr Hintergrund hat. Das ist eher der größere Unterschied, aber ich sehe gar keinen so Großen zwischen Lokaljournalismus und überregionalen Journalismus, außer, dass sich die Themen unterscheiden.

 

Sie sagten vorhin, dass spezieller bzw. individueller Journalismus immer wichtiger wird. Finden Sie es, mit Hinblick auf den Studiengang Technikjournalismus, hier an der TH Nürnberg, wichtiger, dass wir uns immer weiter spezialisieren oder ist es auch in Ordnung, wenn man an einer Hochschule wie Ansbach Allgemeinressortjournalismus belegt?

Spezialisierung halte ich für etwas ganz Wichtiges im Journalismus. Man braucht ein Fachgebiet, man braucht ein Gebiet, in dem man richtig fit ist und am besten der Beste ist. Denn dann wird man natürlich auch in diesem Fachgebiet gut gebucht, man bekommt Aufträge und wenn man Redakteur ist macht man sich damit unverzichtbar. Auf der anderen Seite sollte man aber trotzdem in der Lage sein über alles Mögliche schreiben zu können. Ich war natürlich sehr sportaffin im Sportressort, habe über Wissenschaftsthemen berichtet, aber ich musste auch immer wieder mal über ganz andere Themen schreiben, wenn Not am Mann war oder weil es auch mal spannend war über etwas ganz anderes zu informieren. Da muss man die Möglichkeit und die Fähigkeit haben sich einzuarbeiten und auch mal über so ein Thema zu berichten. Deshalb halte ich Technikjournalismus für einen super Studiengang, zusätzlich da hier der Markt recht groß ist. Zu Ansbach kann man sagen, dass man sich auch dort spezialisiert. Ressortjournalimus ist zwar der Studiengang, der eher allgemein klingt, aber man geht dann auch in Schwerpunkte wie Sport, Politik und Wirtschaft oder Medizin. Also hat man da auch Spezialisierungsmöglichkeiten, welche durchaus wichtig sind. Sehr viele Ausbildungsbeauftragte von Zeitungen oder öffentlichen Rundfunk sagen, dass man eine fachliche Basis braucht, über die man dann berichtet, um dort keine Fehler zu machen.

 

Was wäre wenn ich in Gelsenkirchen Journalistik studieren würde? Dieser Studiengang ist schließlich rein Journalistik und PR ohne eine wirkliche Spezialisierung. Sieht es da dann anders aus, als im Vergleich zu Ansbach oder Nürnberg?

Es gab mal einen sehr kritisierten und heiß diskutieren Artikel von Detlef Esslinger, Ausbildungsredakteur der Süddeutschen Zeitung, der hat das „Leerfach Journalistik“ geschrieben. Also, dass man in diesem Fach letztendlich kein Know-How über ein Themengebiet hat, über das man schreibt. Ich denke, dass eine Redaktion eine Mischung brauchen wird. In einer Redaktion ist es durchaus sinnvoll jemanden zu haben, der diese weiterentwickelt. Ein großes Stichwort im Onlinebereich sind „Paid-Content“ Modelle. Redaktionsorganisation, jemand der in der Wissenschaft auch vorne mit dabei ist und auch Innovationen vorantreibt. Auf der anderen Seite sagen tatsächlich viele Redaktionen, dass sie Experten brauchen. Zum Beispiel brauchen sie den Mediziner, der über Medizinthemen schreiben kann, genauso wie den BWLer der Themen versteht, aber auch der Naturwissenschaftler spielt eine Rolle. Aus diesem Grund wird man die Mischung an verschiedenen Ausbildungen brauchen.

 

Das ist klar. Stichwort Experten, in welchem Ressort würden Sie den größten Fachkräftemangel sehen?

Den gibt es tatsächlich momentan im technischen Bereich. Dort gibt es sehr viele Technikfachzeitschriften, die bisher mit Ingenieuren bestückt sind, denen aber das journalistische Know How, das von Grund auf in einem Studiengang wie Technikjournalismus beigebracht wird, einfach noch fehlt. Aus diesem Grund sehe ich hier einen ganz großen Punkt. Der Markt im Kulturbereich oder Politikjournalismus ist viel enger, als es im Technikjournalismusbereich der Fall ist.

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Wir sind auch ein neues und sehr junges Medium. Wie kann man als junges Projekt in der Medienwelt Fuß fassen?

Als junges Projekt kann man gut Fuß fassen, indem man auf neue Themen setzt, auf die nicht jeder andere auch setzt. Wichtig ist tatsächlich, dass Sie nicht auf den Pressekonferenzen hinterher jagen und versuchen die Berichterstattung zu machen, die andere Medien auch schon machen, da kann man eigentlich nur verlieren. Wichtig ist auch manchmal provokativ zu sein, dass man dadurch wahrgenommen wird. Man muss nicht immer zu brav sein, man muss fair berichten und darf durchaus auch querdenken. Natürlich muss man inzwischen auch den Medienmix beherrschen, das heißt nicht nur eine Onlineplattform betreiben, sondern auch Social Media Kanäle bedienen und auch hier vernetzen, um Publikum zu bekommen.

 

Sie haben ja selbst mal ein junges Projekt, den „Campus-Blog“, gestartet. Was war damals Ihre Intention? Warum haben Sie den begonnen?

Der „Campus-Blog“ ist ein Blog der „Nürnberger Zeitung“ und die Intention war, dass wir eine Hochschulseite gemacht haben, die an sich sehr gut ankam, aber natürlich noch viele Studenten nicht erreicht hat, die eher onlineaffin sind und ihre Informationen aus dem Netz gezogen haben. Aus diesem Grund haben wir überlegt, wie man gut an Studenten ran kommt und die Überlegung war über einen Blog das Ganze zu machen. Gerade für Studenten, die gar nicht aus der Region kommen, bei denen die Eltern nicht die „Nürnberger Zeitung“ mit dem Hinweis „Schau mal, da ist was über deinen Studiengang“ weitergegeben haben. Das war die Intention, eine neue Zielgruppe zu erreichen, über die man berichtet, die man sonst nicht so erreicht hätte. Weiter spannend war auch die Recherche als Hochschulredakteur, durch die man so viele Informationen bekommen hat, die man anderweitig gar nicht publizieren hätte können. Das war die Gelegenheit viel mehr Themen zu veröffentlichen, für die in der Zeitung auf der wöchentlichen Hochschulseite gar nicht der Platz gewesen wäre.

 

Wie läuft das Projekt momentan? Wie sieht es aus in den Bereichen Multimedia, Crossmedia oder auch Social Media Kanäle? Wie bedient der „Campus-Blog“ diese verschiedenen Bereiche?

Es gibt inzwischen auch eine Facebookseite, „NZ Wissen“ heißt das Ganze. Es wird weiterhin versucht breit zu bedienen, gerade mit dem Hintergrund, dass Studenten viel Onlineaffiener sind und dass man weiss, dass es doch eher schwierig sein wird jemanden zu einer Printauflage zu bekommen. Ziel von Zeitungen muss sein, Publikum, das man vielleicht nicht unbedingt für eine Printzeitung begeistern kann, zumindest für eine Tabletversion, Onlineausgabe, Blog oder Ähnlichem zu begeistern. Es ist nach wie vor wichtig und immer wichtiger sich noch mehr zu differenzieren. Sie hatten es ja vorhin angesprochen, Twitter spielt natürlich auch eine Rolle, das gibt es in diesem Feld noch nicht. Wobei es sich vor allem bei Veranstaltungen eignet zu twittern, aber wichtig wird sein, immer mehr diesen Medienmix zu beherrschen.

 

Im Speziellen der Ausruf „Mobile First“, ist das die Zukunft?

Absolut. Dort, wo sich die User bewegen muss ich als Erstes meine Nachrichten publizieren. Die „Welt“ geht da ganz knallhart diesen Weg, im Endeffekt zu sagen, ich bin dort als Erstes, wo ich als Erstes wahrgenommen werde, halte ich für ganz wichtig. Mobile wird in den nächsten Jahren einen riesigen Wachstum haben, während das stationäre Internet eher stagniert. Da wird sicherlich noch einiges zu holen sein. Mobile ist man auch auf einmal bereit zu bezahlen. Es gibt einige Beispiele an Tabletapps, „Spiegel“ macht es vor, auch die „Süddeutsche Zeitung“, die ganz gute Abomodelle fahren. Dort sollte man sich durchaus auch bewegen.

 

Lokalzeitungen und online sind immer noch zwei verschiedene Welten. Wenn man sich Lokalzeitungen anschaut, hier in Nürnberg ein Dreiermodell auf einer Seite, in Weiden „Der Neue Tag“, der auch nicht unbedingt die schönste Plattform hat. Warum scheitern Lokalzeitungen am Onlinemodell?

Na ja, es gibt gemischte Varianten. Es gibt durchaus einige Lokalzeitungen, die die Vorreiter sind. Es gibt natürlich auch immer noch leider eine Zeitung in Bayern, die überhaupt keinen redaktionellen Internetauftritt hat. Das Problem ist, dass viele Zeitungsverlage sehr spät eingestiegen sind, weil sie sich erstmal keinen Gewinn erhofft hatten, was sich jetzt im Nachhinein als großen Fehler herausstellt, denn gerade Dinge wir Rubrikenanzeigen, also Autoanzeigen, Friendscout und Co. , wandert alles in andere Unternehmen ab. Vor allem Immobilienanzeigen waren früher der Markt für Lokal- und Regionalzeitungen. Insofern ist man da leider ein bisschen spät dran, tastet sich auch noch heran, aber in den vergangenen Jahren gab es durchaus einige Sprünge. Sogar Versuche von einigen Lokalzeitungen multimedial zu arbeiten. Die „Rheinzeitung“ wird hier immer wieder als einer der Vorreiter für multimedialen Journalismus genannt. Es gab durchaus immer wieder die einen oder anderen Punkte.

 

Viele Unternehmen, die Pharmaindustrie oder auch Immowelt haben eigene „Newsrooms“ gegründet und machen einen sehr guten Journalismus mit viel Geld. Ist das ein Gegner des herkömmlichen Journalismus, da die Unternehmen über viel Geld verfügen und sich die besten und teuersten Journalisten einkaufen können; im Vergleich zu den großen Verlagen, die alle sparen und nicht wissen wie sie ihre Printredaktion bezahlen sollen?

Ich glaube, einen Fehler darf man nicht machen. Das ist kein Journalismus. Man muss hier von PR sprechen und nicht von Journalismus. Das ist ganz wichtig. Tatsächlich geht der Trend in diese Richtung, auch die Versicherungswirtschaft hat vor kurzem eine große Initiative gestartet und sehr viele eingestellt um eigene PR zu machen. Sie haben durchaus auch Journalisten wie Harald Martenstein von der „Zeit“ verpflichtet, der inzwischen wieder ausgestiegen ist, weil er diese journalistische Unabhängigkeit nicht verlieren will. Ich sehe darin natürlich erst einmal eine Gefahr, man kann viel dafür tun, SEO, Suchmaschinenoptimierung, man kann auch auf Facebook gesponserten Posts mit einer ganz anderen Schlagkraft bringen. Ich sehe da eine Gefahr, was aber auch zeigt, dass der Journalismus sich wandeln muss und dagegen auch ankämpfen kann, in dem er sich auf die Themen, die wichtig sind, fokussiert. Warum muss jede Zeitung vertreten sein und immer denselben Themen hinterher hecheln, anstatt eigene Themenschwerpunkte zu setzten und diese Themen tiefgründig zu recherchieren? Denn das sieht man auch im Netz. Gut recherchierte Geschichten, die gut geschrieben sind, die werden auch irre viel geklickt. Was hilft es denn, wenn ich über eine Pressekonferenz berichte, die am Ende kaum Klicks generiert? Hier sollte man mehr in Qualität investieren und auch das Eine oder Andere sein lassen, was gar nicht so wichtig ist oder so gut ankommt.

 

Sie sprechen es an, Qualität. Wenn wir uns die breite Medienlandschaft ansehen, die großen Zeitungen, wie die „Süddeutsche“, „Frankfurter Allgemeine“, „Handelsblatt“, etc. sieht man immer wieder am Ende der Artikel, ist von der „dpa“ bzw. „Reuters“. Kann man da noch von Qualität reden bzw. journalistischer Recherchearbeit?

Das finde ich in sofern nicht mal so schlimm, weil dadurch Luft gewonnen wird, um sich auf manche speziellen Themen zu fokussieren. Schlimm fände ich es, wenn alles von „dpa“ wäre, dann gäbe es keine Rechtfertigung mehr für eine überregionale Zeitung. Aber dadurch, dass ich mich auf einzelne Themenschwerpunkte fokussiere, muss ich eine Grundversorgung über „dpa“, „sid“, „Reuters“ und Co. abdecken. Insofern finde ich das gar nicht so dramatisch. Ich fände es schlimmer, wenn ein Journalist nur versuchen würde in ein bisschen „dpa“ nachzurecherchieren und im Endeffekt auch nicht mehr herausbekommt, als er bei „dpa“ rausbekommt, weil er auf derselben Pressekonferenz war und mit denselben Leuten gesprochen hat. Dann doch lieber den Fokus auf ein ordinäres, eigenes Thema mit richtiger Menpower und die Pflichtübung über „dpa“ abdecken.

 

Dann kommen wir nun langsam zum Schluss. Was war denn bisher Ihr persönlich liebster Artikel, den Sie selbst verfasst haben oder Ihr liebstes Projekt, welches Sie selbst initiiert haben?

Die schönsten Artikel waren immer die, in denen ich irgendetwas aufdecken konnte, über irgendetwas berichten konnte, das kontrovers diskutiert wurde. Der am meisten geklickte Artikel von mir im Netz, der auch im Print bei der „Nürnberger Zeitung“ publiziert wurde, war der über einen Politkprofessor, der nur zwei Tage an der Uni Erlangen vor Ort ist und sonst in Bonn wohnt. Studenten hatten sich darüber beklagt, weil die Lehrverpflichtungsverordnung drei Tage vorsieht. Schön sind immer Artikel, wenn man auf ordinäre, eigene Themen setzt oder etwas aufdeckt. Also nicht nur das wiederbetet, was die ganzen Menschen alle haben möchten. Als schönstes Projekt empfinde ich eine ganze Website, die wir vom „Mediencampus Bayern“ aus machen. Das ist eine Medienstandortwebsite unter www.mediennetzwerk-bayern.de, da wollen wir die Medienlandschaft in der ganzen Breite darstellen. Mit journalistischen Beiträgen, Print und Publishing, Games, Film, Hörfunk, also wirklich die ganze Bandbreite darstellen und das auch möglichst crossmedial. Es gibt durchaus auch das eine oder andere Video, das dabei ist, eine Audioslideshow und natürlich auch Textform mit ein paar innovativen Ansätzen. Das ist momentan das absolut spannendste Projekt und auch ein Projekt, bei dem man täglich neues implementieren kann.

 

Dann bedanken wir uns recht herzlich für das Interview. Ich hoffe es hat Ihnen gefallen. Haben Sie noch ein oder zwei Fragen an uns?

Auf jeden Fall schon mal vielen Dank. Wo geht es denn bei Ihnen später mal hin? Ist Poltec vielleicht sogar die Zukunftsperspektive?

 

Schön wäre es. Wir arbeiten daran. Wir haben noch definitiv Luft nach oben. Aber da wäre natürlich spitze, wenn das mal so wäre. Aber in die Zukunft sehen kann ich auch nicht. Aber wir sind zuversichtlich. Wenn man der Statistik glauben darf, ist ein exponentielles Wachstum nicht abwegig.

Dann herzlichen Glückwunsch dazu und ich finde es auch auf jeden Fall ein klasse Projekt.

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