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„Ich möchte kein Handy mit Einschränkungen“, erklärt die 71 Jahre alte Helga Kraus, „Ich bin doch noch nicht alt.“ Die agile Rentnerin, die mit dem Fahrrad viel in der Natur unterwegs ist, wünscht sich von ihrem Handy, dass es Fotographien aufnehmen und auch verschicken kann. „Wie sonst könnte ich meinen Enkeln zeigen, was ich gerade gesehen habe und wo sie unbedingt mal vorbei schauen sollten?“ Mit einem Lächeln fügt Helga hinzu, dass ihre Enkel sehr stolz auf ihre coole Oma sind.
So wie Helga Kraus geht es vielen Senioren. Sie wollen kein hässliches, von der Technik her einfaches Mobiltelefon, das nicht mit dem Design und der Funktionalität von „normalen“ Handys mithalten kann. Eine sichere Orientierung ist für ältere Menschen das Wichtigste: Smartphones sind oft mit sehr vielen Programmen ausgestattet, entsprechend unübersichtlich ist zunächst die Benutzeroberfläche. Senioren wollen nicht alle Tasten drücken müssen, um herauszufinden, wie man eine gewünschte Funktion erhalten kann. „Jüngere Menschen sind da flexibler, sie können sich schneller umgucken, unmittelbar fragen oder sich neu orientieren, wenn sie sich etwa verirrt haben. Sie haben die Energie dafür. Bei älteren Menschen ist das anders. Sie möchten möglichst direkt zum Ziel kommen – und sie wollen sich dabei sicher fühlen“, erklärte Eliseo Hernandez Deutschlandradio.

Im Zeitraum von Oktober 2007 bis April 2008 war die SRG deshalb aktiv an der Entwicklung eines Mobiltelefons mit verschiedenen Computer-Funktionen beteiligt. Die Bedienbarkeit des Gerätes stand dabei im Mittelpunkt. Die Senioren der SRG testeten Prototypen und optimierten sie dahingehend, damit letztendlich ein innovatives, einfach bedienbares Gerät entstehen konnte. Praktische Features wie zum Beispiel eine Einnahmeerinnerung für Medikamente oder eine extra Tasche für Notizzettel an der Rückseite, aber auch typische Handyfunktionen wie eine Taschenlampe wurden eingebaut. Die Nutzbarkeit wurde durch eine vereinfachte Menüführung, gut erkennbare Anschlüsse und einen Schieber für die Tastensperre anstatt der Doppeltastenkombination optimiert. Außerdem leuchten bei jeder Funktion nur die Tasten, die man für die gewollte Anwendung braucht.

Am 19.06.2008 startete der Verkauf des Seniorenhandys „Tevion MD 96720“ bei Aldi. Dort konnte man das Mobiltelefon für knapp 100 Euro ohne Vertrag erwerben. Einen Internetzugang kann es nicht vorweisen. Auch keine Kamera. Für das Betrachten von Fotographien ist das mit 28,5 x 28,5 Millimetern ausgelegte Display sowieso nicht geeignet, da die Auflösung dafür zu mangelhaft wäre. Aber da das Handy auch keine Multimedia-Nachrichten, kurz MMS, verschicken oder empfangen kann, ist diese Tatsache bedeutungslos. „Das ist für mich das Minimum, eine Kamera brauche ich in meinem Handy schon“, findet Helga Kraus. Doch für die Ziffern, die mit einer Höhe von sechs Millimetern fett angezeigt werden, eignet sich dieses Display hervorragend.
Da Menschen mit zunehmendem Alter auch Hörvermögen einbüßen, eignet sich die eingebaute Freisprecheinrichtung perfekt für Senioren. Damit können sie auch ohne Gerät am Ohr telefonieren. Die großen Zifferntasten und ihr deutlicher Abstand zueinander machen das Mobiltelefon leicht bedienbar. Es gibt nur eine Navigationstaste, eine sogenannte Doppelwippe, ein Klick nach unten führt ins Telefonbuch, ein Klick nach oben ins Menüprogramm. Das Menü besteht aus drei Rubriken, erneut dem Telefonbuch, Kurzmitteilungen (SMS) und Einstellungen. Passende Icons und ein in ordentlicher Größe verfasster Text erklären die Kategorien. Falls bei einer der Funktionen trotzdem Unklarheit herrschen sollte, hilft eine zusätzliche Bedienungsanleitung mit großer Schrift und den dazu passenden Bildern für jeden einzelnen Menüpunkt weiter.
„Mir wären das zu wenige Extras“, stellt Helga Kraus fest, während sie das Seniorenhandy im Internet begutachtet. Auch die Senior Research Group musste feststellen, dass ihr Mobiltelefon nicht dem entspricht, was sich rüstige Senioren tatsächlich wünschen. „Es ist gefloppt“, bestätigt Eliseo Hernandez. Auf Nachfrage erklärt er, dass der Bedarf mangelhaft war und das Handy für den Preis anscheinend zu teuer. Denn solche Seniorengeräte sind Nischenprodukte, die Herstellungskosten dementsprechend hoch. Sobald sie auf dem Markt sind, ist die technische Entwicklung häufig auch auf einem besseren Stand. Die Entwicklung eines Seniorenhandys ist wirtschaftlich also nicht tragbar. Vielmehr müsste die Entwicklung eines breiter nutzbaren Mobiltelefons auch die Bedürfnisse älterer Menschen erfüllen. Seit Dezember 2008 ist das Gerät als „Medion Seniorenhandy SP1200“ nur noch auf verschiedenen Internetseiten erhältlich.

 

Verdrängt wurde die Senior Research Group mit ihrem Produkt auch deshalb, weil sich andere Unternehmen bereits auf den Sektor Seniorenhandy spezialisiert haben. Wie zum Beispiel der österreichische Telekommunikationskonzern Emporia. Das 1991 von Albert Fellner gegründete Unternehmen „hat sich darauf spezialisiert, Mobiltelefone für Menschen herzustellen, die keinen Wert auf multimediale Anwendungen und komplexe Menüführung legen. Sondern stattdessen einfach und unkompliziert telefonieren wollen. Um das zu gewährleisten, arbeitet Emporia eng mit den Nutzern zusammen und verbindet so optimal eigenes Know-how mit den Bedürfnissen der Verbraucher“, wie der Aufhänger auf der Homepage verkündet.
Da das Unternehmen nicht nur einfach Seniorenhandys herstellt, sondern auch immer wieder an innovativen Ideen forscht, hat es weltweit großen Erfolg. Rund 30 Länder gehören zu ihrem Vermarktungsgebiet. 2009 arbeitete der österreichische Spezialist für Seniorenhandys an einem Mobiltelefon, das den Blutzucker messen kann. Das Telefon sollte mit einer anschraubbaren Plastikkugel, in der eine kleine Nadel und chemisches Fotopapier den Glukosespiegel bestimmen können, versehen werden. Die gemessenen Daten würden dann automatisch verarbeitet und im Notfall an einen Arzt oder Angehörige weitergeleitet.

Helga Kraus hat sich gegen ein Seniorenhandy entschieden: „Ich kenne mich ja jetzt bereits ein bisschen mit Handys aus. Außerdem weiß ich, was mit so einem Gerät alles möglich wäre. Ich habe dementsprechend höhere Ansprüche an mein Handy. Hätten die normalen nur nicht diese kleinen Tasten!“ Doch auch für dieses Problem hat sie sich bereits etwas einfallen lassen: Um jene korrekt zu treffen, übt sie fleißig und schickt ihren Enkeln jeden Tag eine SMS. Und die freuen sich. Sagt Helga.

 

von Pia Schmitt

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