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Mobiltelefone für Senioren gibt es bereits. Aber entsprechen diese auch deren Bedürfnissen?

Zwei Minuten. 120 Sekunden. Zeit ist relativ. Zwei Minuten gehen so schnell vorbei, wenn man sich verabschieden muss. 120 Sekunden können sich so lang wie ein Kaugummi ausdehnen, wenn etwas Schlimmes passiert.

Sein Körper, von einem stechenden Schmerz durchzuckt. Er liegt auf dem Rücken, versucht, das Zittern zu unterdrücken und die schweren Augenlider zu öffnen. Gleißendes Licht. Erst Gelb. Dann Weiß. Ein Flirren. Er will brüllen. Will sich bewegen. Doch aus seinem Hals kommt nur ein Würgen. Sein Herz hämmert gegen die Rippen und sein Brustkorb füllt sich mit kalter Angst.
Dann ist da nur noch Dunkelheit.
Zwei Minuten, in denen das ganze Glück aus einem herausgezogen wird. Zwei Minuten, in denen sie in Keller gegangen war, um Kartoffeln zu holen. Vor zwei Minuten war die Welt noch in Ordnung.

Als die 71-jährige Helga Kraus ihren Mann im Garten findet, erleidet er gerade einen Herzinfarkt. Im Rettungswagen versuchen sie ihn zu reanimieren. Doch die Ärzte können nichts mehr für ihn tun.
Helga ist nun ganz allein. Ihre Kinder und Enkel kommen und weinen mit ihr. Trösten sie. Wollen für sie da sein. Aber im Grunde ist sie allein. Die Einsamkeit, die der plötzliche Tod eines geliebten Menschen in ein Herz reißt, kann man nicht mehr heilen.
In den nächsten Wochen und Monaten wird sie rührend von ihrer Familie umsorgt und unterstützt. Leid und Schmerz wird geteilt. Aber rund um die Uhr können sie nicht da sein. Helgas Kinder und Enkel kämpfen selbst mit dem Verlust eines geliebten Menschen. Nach der Beerdigung und der ersten Trauerphase geht für sie der Alltag weiter. Sie müssen zur Arbeit und in die Schule gehen. Sie haben ein Leben ohne Helga, das sie weiterführen müssen.
Ihre Kinder sorgen sich um ihre Mutter und überreden sie zu einem Handy, um trotzdem immer erreichbar zu sein. Bisher ist sie ohne eines gut ausgekommen. Aber jetzt, da sie alleine ist, malen sich ihre Kinder Szenarien im Kopf aus: Was, wenn Helga auf dem Weg zum Friedhof stürzt und keiner ist da, der ihr helfen kann? Ein Handy wäre gut. Das findet auch Helga. Sie informieren sich erst im Internet, was es für Angebote gibt und was für eines ihren Bedürfnissen entspricht.
„Senioren wissen die soziale Komponente des Handys zu schätzen und den Schutz, den sie haben, wenn sie bei Gefahr jemanden anrufen können“, erklärte der Designer für Seniorenhandys, Kai-Uwe Neth von der Technischen Universität Berlin, schon 2005 dem Tagesspiegel.
Helga und ihr Mann hatten bereits einen Internetanschluss, den sie jedoch nicht genutzt haben. Helga kennt sich mit dem Computer nicht aus, aber jetzt braucht sie ihn. Ihr Sohn hilft ihr, die Grundfunktionen zu verstehen und registriert sie bei einer Maildomain. So kann sie ihrer Familie schreiben, wenn sie mal keine Lust auf Telefonieren hat.
Ihre Enkel erklären ihr, wie sie mit ihrem neuen Handy SMS verfassen kann. Hätte sie ihre Kinder und ihre Enkel nicht gehabt, sie hätte das alles nicht alleine geschafft. Sie hätte professionelle Hilfe gebraucht.
Hilfe wie die von der Senior Research Group der Technischen Universität in Berlin. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, komplexe und meist auf die Bedürfnisse junger Menschen zugeschnittene Technik so weiterzuentwickeln, dass auch ältere Menschen von ihr Gebrauch machen können.

Die Senior Research Group, kurz SRG, wurde im Herbst 2001 gegründet. Eigentlich forschten der Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft und Produktergonomie der TU Berlin und mehrere Hochschulen seit 1997 über seniorengerechte Technik im häuslichen Alltag (SENTHA). Tatsächlich waren Senioren beteiligt, vorerst aber nur, um befragt zu werden oder um die Projektverantwortlichen zu beraten. Als man ein seniorengerechtes Mobiltelefon entwickelte, hatten die Rentner dabei so viel Spaß, dass viele wieder kommen, weiter machen und vor allem aktiv mitgestalten wollten. So wurde aus dem Forschungsauftrag SENTHA die Senior Research Group. Diese besteht aus circa 15 Rentnerinnen und Rentnern, die im Alter von 72 bis 84 sind, wie Eliseo Hernandez bestätigt. Der Diplomingenieur arbeitet unter anderem am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin. Dort erarbeitet er auch Anträge für Sponsoren zur Finanzierung von Forschungsprojekten. Seit ungefähr eineinhalb Jahren leitet Eliseo Hernandez außerdem die Senior Research Group. Von seinen mitwirkenden Rentnern ist er begeistert: „Man kann so viel von ihnen lernen. Sie sind sehr engagiert und wollen noch etwas bewirken. Solche positiven und ehrgeizigen Menschen trifft man nicht täglich.“

Wenn es nach den Herstellern von Mobiltelefonen und Smartphones geht, sollten Senioren ein Handy nur zum Telefonieren brauchen. Wie sonst ist es zu erklären, dass es in den großen Elektrofachgeschäften nur Seniorenhandys gibt, die drei große Tasten haben und einen roten Knopf für einen Notruf? Lässt man seinen Blick über die vielfältige Auswahl der Mobiltelefone schweifen, die in einer Reihe ausgestellt sind, und die darum herum wuselnden Teenager, hat man das Gefühl, dass es hier keinen Platz für ältere Menschen gibt. Fragt man einen der Berater oder Verkäufer nach einem seniorengerechten Handy, bekommt man den Hinweis, dass sich „unsere spezielle Auswahl vor allem an jene richtet, die im hohen Alter gebrechlich sind, schlecht sehen oder hören können und Probleme mit der Motorik haben.“ Da stellt sich die Frage: Wollen Rentner überhaupt ein Handy, das nur Basisfunktionen besitzt?

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