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6.015 Euro – Ziel erreicht.
Das vom apabiz e. V. – Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum initiierte Projekt „Rechtes Land“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Überfälle, Aufmärsche, Verbände, Morde und Orte der extremen Rechten zu sammeln, zu kartieren und auf einer Karte im Webbrowser abzubilden. Das so erschaffene Informationsportal soll für jedermann frei zugänglich sein und ein Überblick über die aktuelle Lage in Deutschland verschaffen. Das Mindestziel von 5000 Euro wurde nicht nur erreicht, sondern sogar übertroffen. Und das mit einer Finanzierungsmethode, die bis vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen wäre, sogar ohne Banken, Stiftungen und Großinvestoren – sprich ohne Schulden – auskommt, das Crowdfunding. „Das ist für uns eine relativ neue Spielwiese, wir hatten das noch nicht ausprobiert“, gibt auch apabiz-Mitglied Felix Hansen zu. Der Grund für diese Entscheidung war für ihn hauptsächlich die finanzielle Unabhängigkeit: „Wir wollten unser Projekt nicht staatlich finanzieren oder die Finanzierung über irgendwelche Stiftungen laufen lassen.“  

So wie er denken viele. Crowdfunding – ein Synonym für Unabhängigkeit und Freiheit für Kreativität und Originalität? Die Crowdfunding-Welle breitet sich auf alle Fälle immer weiter aus, auch in Deutschland etabliert sie sich nach und nach. Doch wie funktioniert Crowdfunding eigentlich?

Rollenmodell Crowdfunding

Veranschaulichung: Als Geldgeber agiert die Masse / wikimedia commons (c) BieLe83

Auf unterschiedlichsten Plattformen können Entwickler, Hobbytüftler, Kreative, Filmschaffende, Geschäftsleute und eigentlich so ziemlich jeder, der zwar Kreativität und Ideen mitbringt, aber nicht das nötige Kleingeld für die Umsetzung hat, ihre Projekte feilbieten. Investoren sind die, die sich für das Projekt interessieren, die zukünftigen Kunden, kurz: die Crowd. Sie können über diese Portale Geld für die Projekte spenden. Finanziert wird das Projekt so nicht durch einen großen, sondern durch tausend kleine Investoren und das ohne Zinsen oder Schulden. Das gibt vor allem Ideen eine Chance, die für Banken oder Großinvestoren zu gefährlich oder zu unrentabel sind. Die Projektinitiatoren legen einen bestimmten Zeitraum fest, in dem die gewünschte Summe erreicht werden soll. Wird der Betrag erreicht oder sogar übertroffen, wird das Geld von den Spendern abgebucht und an die Ideengeber überwiesen – das Projekt kann starten. Wird die Summe nicht erreicht, wird das Projekt storniert und die Investoren zahlen nichts. So verliert niemand etwas.

Der Ursprung des Crowdfundings liegt schon 13 Jahre zurück. ArtistShare, eine speziell auf Musiker zugeschnittenen Plattform, die es Künstlern erlaubt, Alben auch ohne große Labels, nur mithilfe der Fans zu finanzieren, legte die Grundidee des Finanzierungskonzepts. Der Begriff Crowdfunding etablierte sich aber erst 2006 mit  sellaband.com, einer ähnlich gelagerten Website. Der große, spartenübergreifende Durchbruch gelang dann 2008 mit der Gründung der Plattform Kickstarter, die trotz Konkurrenzplattformen, allen voran indiegogo, immer noch der Primus unter den Crowdfunding-Seiten ist. Zumindest für Menschen mit einem amerikanischen oder englischen Bankkonto – der Dienst ist nämlich ausschließlich den englischen und amerikanischen Bürgern vorbehalten. Das veranlasste viele Länder, ihre eigenen Crowdfunding-Plattformen nach amerikanischem Vorbild zu gründen, auch Deutschland wurde vom Boom mitgerissen. Mit startnext erschien 2010 die erste große deutsche Plattform.

Neben den großen, thematisch allgemein gehaltenden, Plattformen bildeten sich auch viele kleine, oftmals auf ein bestimmtes Themengebiet spezialisierte Crowdfundingsites heraus. Krautreporter zum Beispiel ist eine speziell für journalistische Projekte angelegte Plattform. Auch hier orientierte man sich nach dem amerikanischen Vorbild spot.us: „Die Idee gibt es in den USA schon sehr lange und die fehlte einfach noch in Deutschland, gerade jetzt, wo die Medienwirtschaft in der Krise steckt“, erläutert Mitbegründer Sebastian Esser die Entstehungshintergründe. Sebastian Esser erklärt, welche Vorteile Krautreporter den Projektinitiatoren bietet: „Die Erfolgsquote ist bei uns höher als bei anderen Plattformen und liegt im Moment bei über 80%.“ Das erklärt er vor allem durch die Spezialisierung, da so jeder weiß, was er bekommt: „Bei uns gibt es nur Journalisten, es ist klar, was die Leute bei uns finden. Es ist nicht nur ein Sammelsurium – kein Kaufhaus, sondern ein Fachgeschäft.“

Dass Crowdfunding mittlerweile auch in Deutschland angekommen ist, beweisen nicht zuletzt die Zahlen. Laut „Crowdfunding-Monitor“ konnten seit Ende 2010 über den größten deutschsprachigen Plattformen Startnext, Inkubato, Pling, VisionBakery und Krautreporter 848 Projekte erfolgreich finanziert werden. Insgesamt wurden dabei 3,4 Mio. Euro eingespielt. Die durchschnittliche Erfolgsquote eines Projektes liegt bei 45 Prozent, wobei dieser Wert im ersten Quartal 2013 noch einmal deutlich höher bei 58 Prozent lag – eine Tendenz, die für sich spricht. Das in Deutschland bisher am höchsten finanzierte Projekt ist „stoersender.tv“, das auf Startnext mit  153.134 Euro finanziert wurde – zum Vergleich, das erfolgreichste über Kickstarter finanzierte Projekt ist eine Smartwatch, für die 10,2 Million Dollar zusammengekommen sind. Der deutsche Markt konzentriert sich dabei eindeutig auf die Plattform Startnext, über die alleine schon 85 Prozent der 3,4 Mio. Euro umgesetzt wurden. Den zweiten Platz belegt VisionBakery mit sechs Prozent.

Doch welche Vorteile bietet Crowdfunding den Projektinitiatoren? Felix Hansen sieht die Nähe zu der Crowd als einen besonderen Vorteil: „Die Leute sind während der Finanzierungsphase mit verschiedenen Ideen und Unterstützungsanträgen an uns herangetreten.“ Sowohl bei technischen, als auch bei inhaltlichen Problemen, konnte die Crowd so Unterstützung leisten. „Leute haben gesagt: „Ich bin Informatiker, kann ich euch bei der Programmierung helfen“, oder: „Ich bin von einer Initiative und habe viele Informationen über Naziaktivitäten im Saarland, wollt ihr die haben?“.“ Gerhard Samulat, freier Journalist für Wissenschaft und Technik, hat sein journalistisches Projekt, „Giftgase im Airbag“, über Krautreporter finanziert. In seinem Projekt beschäftigt er sich mit den gesundheitsschädlichen Gasen, die beim Auslösen eines Airbags entstehen. Für ihn bietet Crowdfunding vor allem journalistischen Projekten eine Chance, die sehr zeitintensiv und mit einem großen Rechercheaufwand verbunden sind, und deshalb von vielen Verlagen nicht mehr finanziert werden. „Ich habe meine Idee einigen Magazinen vorgestellt und einige haben sie zunächst auch weiterverfolgt. Dabei stießen sie aber alle auf eine Mauer des Schweigens, Informationen waren schwer zu bekommen. Letztendlich war der Rechercheaufwand zu groß, um ihn im Tagesgeschäft unterzubringen.“ Deshalb fasst er es so zusammen: „Crowdfunding bietet einem Journalisten die Möglichkeit, mal unabhängig von Redaktionen tief in ein Thema einzutauchen, das so rechercheaufwändig ist, dass Redaktionen davor eher zurückschrecken.“ Hinzu kommt, dass beim Crowdfunding die Menschen selbst als „Marktforscher“ eingesetzt werden können und selbst entscheiden, was sie wollen und was nicht: „Der Filter dabei sind die Leute, die das Projekt unterstützen sollen. Wenn sie sagen, dass die das komisch oder blöd finden, dann hat das Projekt eben keine Chance.“ So bietet das Crowdfunding eine Reihe von Vorteilen. Es können gewagte Ideen und Konzepte risikolos getestet werden. Gleichzeitig können Projekte auch ohne große PR innerhalb der Social Media Seiten beworben werden und einen hohen Bekanntheitsgrad erlangen. Dadurch können auch Nischenprodukte, die sonst nie auf den Markt gekommen wären, ihren Weg in die Regale finden.

Neben den Vorteilen gibt es aber auch einige Nachteile. Während der Finanzierungsphase muss der Projektinitiator zwangsläufig mit offenen Karten spielen, die Crowd auf dem Laufenden halten und Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Der letzte Punkt ist für Gerhard Samulat besonders problematisch: „Das Marktschreierische ist nicht jedermanns Sache.“ Auch sollte man seiner Meinung nach die Erfolgschancen nicht überschätzen: „Es war schon nicht einfach, das Geld zusammen zu bekommen. Bei vielen war es so, dass erst in den letzten Stunden die Grenze überschritten wurde.“ Aber der größte Kritikpunkt, auch bei Crowdfundinggegner, ist sicherlich das „Konzept des Vertrauens“. Die Unterstützer müssen auf die Ehrlichkeit der Initiatoren vertrauen, das öffnet vielen Betrügern die Tür.

Rockpapershotgun.com entdeckte so einen Betrugsversuch auf Kickstarter. Das Projekt „Mythic: The Story of Gods and Men“ sollte ein Computerrollenspiel werden, klaute aber sowohl Konzeptzeichnungen als auch Grafiken. Die Bilder der Schwerter, die Spender für besonders hohe Summen erhalten sollten, wurden einfach von Händlerseiten übernommen. Selbst die Beschreibung des Projekts basierte eigentlich auf The Banner Saga, ein Computerspielprojekt, das ebenfalls über Kickstarter finanziert wurde. Die Projektinitiatoren gaben sich als ehemalige Microsoft-, Activision-, und Blizzardmitarbeiter aus, und wollten 80.000 Dollar für die Finanzierung des Spiels sammeln.

Doch was sollte man beachten, um ein Projekt erfolgreich finanzieren zu können? Laut Sebastian Esser kommt es bei Krautreporter vor allem auf die richtige Definition des Projektes an: „Wichtig ist, dass es nicht nur ein Thema ist, z. B. „Ich mach jetzt was zur WM in Brasilien“, sondern auch eine Geschichte beinhaltet. Zum anderen sollte man sich überlegen, ob es eine Zielgruppe für das Projekt gibt. Nicht jedes Projekt ist so interessant, dass Leute dafür bereit sind, Geld auszugeben.“ Auch sollte das Projekt richtig beworben werden: „Man sollte sich überlegen, wie man seine Kampagne so anlegt, dass Leute, die das interessieren würde, auch rechtzeitig davon erfahren.“ Für Felix Hansen spielt die Originalität eine große Rolle: „Vor unser Projekt gab es noch nichts Vergleichbares. Das war ein wichtiger Grund und ausschlaggebend für viele Leute.“ Auch sieht er einen Vorteil für Projekte, bei der die Community aktiv mitwirken kann: „Bei uns hat es so funktioniert, dass die Leute das Projekt partizipieren konnten, d. h. sich sowohl aktiv beteiligen konnten und nachher auch etwas davon hatten.“ Auch Gerhard Samulat ist neben einer gewissen Relevanz des Themas die Werbung besonders wichtig: „Trommeln, Trommeln, Trommeln und noch mal Trommeln, oder ein relevantes Projekt haben.“

So bietet Crowdfunding vor allem Kreativität und Originalität eine Chance. Dank der Crowd und engagierten Freidenkern entstehen so hoch interessante, individuelle Projekte, die, obwohl sie vielleicht kommerziell uninteressant sind, einen großen kulturellen Aspekt beinhalten. Neben vielen Sinnvollen entsteht aber auch allerhand skurriles. Über die Plattform Kickstarter wurde von 2718 Unterstützern ein Betrag von 67.436 Dollar gespendet, um eine lebensgroße RoboCop – Statue in Detroit zu errichten. Crowdfunding sind keine Grenzen gesetzt. Wer weiß, welch große Ideen wir in Zukunft noch der Crowd zu verdanken haben?

 

von Florian Rottmann

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