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An der Bushaltestelle Holcroft Road Well Street sitzt eine junge Frau, die sich mit rotem Lippenstift die Lippen nachzieht. Sie steigt in einen der roten Londoner Doppeldeckerbusse, Nummer 26 Richtung Waterloo, und verschwindet in der Menschenmenge. Zwei Tage vor dem Brexit-Referendum ist die Stimmung in London auf den ersten Blick wie an jedem anderen Dienstag.

In der Innenstadt zeigt sich jedoch die Anspannung. Es ist 19 Uhr am Trafalgar Square, aus den Boxen tönt „The final countdown“ vor einer etwa zehn Quadratmeter großen Bühne. Hier zeigt sich die Aufregung vor der wichtigen Entscheidung. Studenten und viele andere junge Menschen lauschen Sophie Nazemi, der Initiatorin der Veranstaltung, als die junge Brünette die Bühne betritt: „Es geht darum in einem Land zu leben, das nach außen und nicht nach innen gerichtet ist, das vereinigt ist und einladend für die, die uns am meisten brauchen. Besonders für Flüchtlinge.“ Es ergibt sich ein eher seltener Anblick auf der Insel: Im Publik werden Europaflaggen geschwungen, T-Shirts mit dem Schriftzug Europa getragen und Sticker mit dem Aufdruck „Vote in“ verteilt.

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Schnell fällt auf, dass der Großteil der Zuhörer unter dreißig ist. Sie wollen sich einsetzen. Für ihre Zukunft. Für ihre Werte. Für ein vereintes Europa, das gemeinsam mehr erreichen kann. Sie wollen im Ausland studieren und nicht noch höhere Gebühren an die Unis in England abtreten. Der Generationenkonflikt in der Austrittsfrage zeigt sich deutlich.

Der Tag danach

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Am Tag nach dem Referendum hat sich die Sorge der jungen Briten bestätigt. Die Alten haben über die Zukunft Großbritanniens entschieden. Das liegt sicherlich auch daran, dass lediglich 36 Prozent der 18-24 Jährigen  wählen gegangen sind. Bei den über 65 Jährigen lag die Wahlbeteiligung bei 83 Prozent. England ist gespalten. In „leave“ und „remain“, aber auch in Jung und Alt.

Vor der Downing Street 10 tummeln sich bereits um acht Uhr morgens die Gewinner des Referendums. Während eine Absperrung vor dem Haus des Noch-Premierministers David Cameron aufgebaut wird, kommt eine Gruppe von fünf jungen Männern auf das schwarze Tor zu. Sie jubeln, schwenken ihre Großbritannienflaggen und feiern die Entscheidung des Austritts. Neben einer Horde von Journalisten warten die „Leave“-Befürworter auf die angekündigte Rede Camerons. Autofahrer, Busfahrer und Biker steuern hupend und jubelnd an der Menge vorbei. Man könnte glauben, dass England die EM gewonnen hat.

 

 

 

Knapp zwei Stunden später traut sich Boris Johnson mit gesenkten Kopf aus seinem Haus in der Nähe der Angel Station. Er wird von Journalisten auf Trittleitern erwartet, die bei seinem Anblick herunter springen und dem ehemaligen Londoner Bürgermeister hinterhereilen. Neben den zahlreichen Medienleuten haben sich auch etwa hundert Engländer vor dem weißen Haus versammelt. Sie buhen ihn aus und beleidigen ihn. Arm in Arm bilden Polizisten der Metropolten Police, in ihren klassischen gelben Westen und den hohen Helmen, einen Gang von der Haustür bis zum Auto des polarisierenden Politikers. Ein Mann mit Fahrradhelm läuft auf Johnsons Wagen zu und ruft: „Du bist ein Arschloch, Boris Johnson. Du bist Abschaum.“ Die Meute folgt der schwarzen Limousine bis zum Ende der Straße und löst sich dann langsam auf. Die Verlierer des Referendums sind enttäuscht und sauer.

Der Vergleich, Downings Street und Angel Station zeigt den Konflikt Englands. Er symbolisiert die Spaltung des Königreichs. Buh-Rufe gegen Johnson und Rücktrittsforderungen an Cameron. Keiner ist beliebt im Querschnitt der Bevölkerung, weder der eine – noch der andere.

Die ungewisse Zukunft

Es ist neun Uhr am Morgen nachdem Referendum, David Cameron kündigt vor der Downing Street 10, im Angesicht vieler übermüdeten Journalisten, seinen Rücktritt für Oktober an. „Ich denke nicht, dass es richtig wäre für mich, der Kapitän zu sein, der unser Land zu seinem nächsten Ziel steuert“, erklärt Cameron seine Entscheidung. Erst danach sollen Austrittsverhandlungen mit der EU geführt werden. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker fordert hingegen „so schnell wie möglich“ mit den Verhandlungen für den Brexit zu beginnen. Einige Stunden nach Camerons Verkündung treffen sich EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, EU-Ratspräsident Donald Tusk, Ratschef und niederländischer Premier Mark Rutte und Juncker in Brüssel. Sie sind sich einig: „Jede Verzögerung würde die Unsicherheit unnötig verlängern.“ Eine Krisensitzung folgt der Nächsten. Doch wie schnell sich was für die Briten ändern wird, bleibt unklar.

Professor David Blake von der City University in London zeigt sich zuversichtlich: „Wenn Handelshemmnisse vertraglich einmal gelockert wurden, darf man diese nicht einfach wieder einführen. Also wenn wir nun Freihandel innerhalb der EU und zwischen Großbritannien und EU haben kann man die Zölle nicht legal wieder erheben. Das erlauben die Regeln in der Welthandelsorganisation nicht.“ Demnach könnte sich für England gar nicht so viel ändern. Das ist auch die Hoffnung vieler „Leave“-Befürworter. Sie sind nicht gänzlich gegen die EU, aber sie wollen die Menschen kennen, die sie regieren und diese direkt wählen.

 

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Nicht nur England ist gespalten. Ganz Großbritannien droht auseinander zu brechen. England und Wales stimmten, wenn auch knapp, für einen Brexit. Nordirland und Schottland entschieden sich für die EU und müssen nun aber dennoch mit England austreten.

Bereits vor dem Referendum wurde spekuliert, dass Schottland und Nordirland sich für die EU entscheiden werden und das zu einem Zusammenbruch des bisherigen Großbritanniens führen könnte. Erst vor zwei Jahren stimmten die Schotten über ihre Unabhängigkeit von Großbritannien ab. Damals entschieden sie sich mit 55 Prozent für einen Verbleib in der Europäischen Union. Doch nach dem Brexit-Votum hat sich diese Situation verändert. Zwei Tage nach dem Referendum kündigte Schottland an erneut ein Unabhängigkeitsvotum durchzuführen und das könnte anders ausgehen, als noch vor zwei Jahren. Knapp eine Woche nach dem Referendum traf sich die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon mit Vertretern der EU-Kommission und des Europäischen Parlaments, um für einen Verbleib Schottlands in der EU zu werben. Frankreich sieht diese frühen Verhandlungen kritisch. „Europa sollte keinesfalls zur Demontage von Nationen beitragen“, sagte Außenminister Jean-Marc Ayrault dem Sender France-2.

Doch auch Nordirland ist unzufrieden mit dem Votum. Der stellvertretende Premierminister Nordirlands Martin McGuiness sprach sich nach dem Referendum für eine Vereinigung mit der Republik Irland aus. Doch mit dieser Forderung steht er allein da. Entgegen der Prognosen vor dem Brexit-Referendum, streben beide irischen Regierungschefinnen, sowohl die Nordirische, als auch die der irischen Republik keine Wiedervereinigung an.

Das Brexit-Referendum wurde mit der Entscheidung für den EU-Austritt ein historisches Ereignis für ganz Europa. In London feiern die einen ihre Unabhängigkeit vor der Downig Street 10, während die anderen ihren Ärger über das Ergebnis an Boris Johnson auslassen. In ganz England ist die Stimmung aufgeheizt. Großbritannien ist im Umbruch. Die Briten haben den ersten Schritt gemacht, doch die harten Jahre der Verhandlungen stehen ihnen noch bevor. Dr. Uwe Mummert, Professor für „International Economics“ an der TH-Nürnberg, sieht auch noch viele Fragen offen.

 

 

 

 

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Was nun kommen mag, bleibt ungewiss. Wird der Brexit ein Vorbild für weitere Nationen? In Frankreich finden in einem Jahr Wahlen statt – und Marine Le Pen, Chefin des rechtsnationalen Front National, feierte das Ergebnis des englischen Volksentscheids frenetisch. Es könnt aber auch anders kommen – an England könnte ein Exempel statuiert werden, das weit mehr als nur abschreckt.

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Ich bin seit Anfang 2014 Head of Video bei PolTec-Magazin und Studentin an der Technischen Hochschule GSO In Nürnberg im Fach Media Engineering (seit dem Wintersemester 13/14).