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„Durch Erschießen ihrem Leben ein Ende gesetzt hat die Gattin des Geheimen Regierungsrates Dr. H. in Dahlem, der zur Zeit im Felde steht. Die Gründe zur Tat der unglücklichen Frau sind unbekannt.” Diese kurze Notiz in der Grunewald-Zeitung vom 8. Mai 1915 gibt das Ableben von Clara Immerwahr bekannt. Mit einem Blick auf ihre Biographie sind die Gründe gar nicht so schwer zu verstehen.

Am 21. Juni 1870 wird Clara Immerwahr als jüngste von drei Töchtern in Polkendorf bei Breslau geboren. Clara versucht, das Abitur zu erlangen und an der Universität zu studieren. Dies ist mit allerhand Problemen und Hindernissen behaftet, aber Clara schafft es, eine Sondergenehmigung für den Besuch von Vorlesungen zu erhalten. Für ihren Mut wird sie von ihren Kommilitonen und Professoren, die Gegner des Frauenstudiums sind, belächelt und zum Teil verspottet. Geheimrat Meyer, Professor für Experimentalphysik, weist Clara bei einem Vorstellungsgespräch mit der Bemerkung ab, dass er „nichts von geistigen Amazonen“ halte. In Richard Abegg, Dozent für physikalische Chemie, findet sie einen akademischen Lehrer, der ihr weitgehend vorurteilsfrei begegnet, sie an seinen Forschungen teilhaben lässt und mit ihr gemeinsam Publikationen vorbereitet. Am 22. Dezember 1900 promoviert Clara mit ihrer Doktorarbeit „Beiträge zur Löslichkeitsbestimmung schwerlöslicher Salze“. Sie ist damit die erste Frau, die einen Doktortitel an der Universität Breslau mit einer physikalisch-chemischen Arbeit erhält.

Im April 1901 begegnet sie auf einem Kongress Fritz Haber, der bereits in der Vergangenheit um sie geworben hat. Er erneuert seinen Antrag und nach langem Zögern willigt sie ein, ihn zu heiraten. Ihre Wissenschaft will sie nicht aufgeben, aber Fritz drängt Clara in eine Rolle, für die sie nicht geboren wurde: in die der Hausfrau, die dem erfolgreichen Mann alles Recht machen soll. Anfangs versucht sie, ihrer Frauenrolle gerecht zu werden; sie richtet Tischgesellschaften für ihren Mann aus, um dessen Ansehen und Kontakte zu fördern. Auch zu seinen wissenschaftlichen Publikationen trägt sie bei, allerdings ohne darin erwähnt zu werden. Sie gebärt am 1. Juni 1902 einen Sohn, Hermann, aber während ihrer Schwangerschaft und vor allem in den Wochen danach lässt Fritz seine Ehefrau auf sich alleine gestellt. Clara zieht sich in den folgenden Jahren immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Ihre eigene Forschung darf sie nicht weiter betreiben, nur einige Vorträge über „Chemie in Küche und Haushalt“ an der Volkshochschule halten oder Artikel aus dem Englischen übersetzen. 1909 schreibt sie rückblickend in einem Brief an ihren Doktorvater Richard Abegg: „Es war stets meine Auffassung vom Leben, dass es nur dann wert gewesen sei, gelebt worden zu sein, wenn man alle seine Fähigkeiten zur Höhe entwickelt und möglichst alles durchlebt habe, was ein Menschenleben an Erlebnissen bieten kann. Und so habe ich damals schließlich auch mit unter dem Impuls mich zur Ehe entschlossen, dass sonst eine entscheidende Seite im Buch meines Lebens und eine Seite meiner Seele brach liegen bleiben würde.“

Fritz Haber gelingt 1909 mit der Ammoniaksynthese der entscheidende Durchbruch, aber Clara fällt immer mehr in sich zusammen, wird zunehmend unglücklicher. In ihrem Brief an Richard Abegg heißt es weiter: „Was Fritz in diesen acht Jahren gewonnen hat, das – und mehr – habe ich verloren, und was von mir eben übrig ist, erfüllt mich selbst mit der tiefsten Unzufriedenheit…“

Fritz stellt seine Forschungen vollkommen auf die Suche nach neuen Kampfgasen um, was ihn in die Kriegsführung bringt und schließlich in den Rang eines Hauptmanns. In endlosen Tierversuchen werden Giftgase wie Chlor und Phosgen erprobt. Clara nimmt sehr deutlich Stellung und bezeichnet das ganze Unternehmen als „eine Perversion der Wissenschaft“. In anderen Briefen gibt sie sich deutlich antimilitaristisch.

Um einen Giftgaseinsatz vorzubereiten, will Fritz am 2. Mai 1915 an die Ostfront reisen. Alle Versuche Claras, ihn davon abzuhalten, scheitern. Sie sieht nur noch einen Ausweg: Sie nimmt seine Dienstwaffe und geht in den Garten. Ein Probeschuss in die Luft. Der zweite Schuss geht direkt ins Herz. Nur ihr zwölfjähriger Sohn Hermann hört sie. Er weckt den Vater, der noch am selben Tag an die Front reist und den Sohn mit der Situation auf sich alleine gestellt zurück lässt.

Claras Tod war als Zeichen gegen die Massenvernichtung gedacht, letztendlich hat er nichts an der Einstellung ihres Mannes geändert. Schlimmer noch, Habers zweite Ehefrau Charlotte verzerrt das Bild Claras in ihrem Buch „Mein Leben mit Fritz Haber“, das 1970 erschien. Fritz Haber wird nicht nur als großer Wissenschaftler, sondern auch als guter Ehemann angepriesen. Schlussendlich war er allein für ihren Tod verantwortlich.

von Pia Schmitt

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