Auf den Spuren des Hightech-Bauern

Nikolai Nabekanow

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Sie fließt in Strömen aus einem Hightech-Karussell. Bauernhof-Idylle von außen. Hightech Industrie von innen. Eine normale Kuh gibt heute mehr als das doppelte an Milch, doch dabei bleibt der Tierschutz auf der Strecke.

Hochleistungskuh – Milchproduktion am Fließband

Grüne Weiden, glückliche Kühe. So stellt man sich moderne Milchproduktion vor. Doch nein! Die Kühe werden zu Super-Milchmaschinen hochgezüchtet. Kühe die permanent Milch geben sollen.

20 Jahre lebt eine durchschnittliche Kuh, doch in einer Molkerei schaffen sie maximal fünf Jahre. Danach geht es zum Schlachter oder, wenn sie Glück haben, auf einen Gnadenhof. Statt zweimal am Tag, muss die Hochleistungskuh dreimal gemolken werden. Jede Kuh hat einen Sender um den Hals, mit einer für sie zugewiesenen Nummer. Das Tier darf selber entscheiden, wann es gemolken wird. Wenn die Zeit reif ist, betritt sie intuitiv und eigenständig die Melkmaschine und wird gemolken. Das war es auch schon mit den Privilegien. Bauer Rainer aus Sachsen besitzt 130 Kühe, die drei Mal am Tag gemolken werden: hocheffektiv. Drückt sich eine Kuh, schlägt das System Alarm und Rainer muss nachtreiben. „Das ist die Nummer fünf“, sagt der Landwirt während er auf eine Kuh zeigt. „Diese wurde schon seit zwölf Stunden nicht gemolken. Die werde ich jetzt nachtreiben, damit sie zum Roboter kommt“. Namen gibt er seinen Kühen schon lange nicht mehr. Warum auch, lange bleiben sie nicht bei ihm. Nach knapp fünf Jahren ist es vorbei mit dem Leben auf dem Bauernhof. Denn die Kuh hält dem Druck nicht stand. „Ein Vieh ist so zwischen 7500 und 8000 Liter rentabel. Wenn sie es nicht mehr bringt, werde ich sie abmelken, besamen und nach der Geburt zum Schlachter bringen“, so Rainer. Die Untergrenze für eine Kuh liegt heute bei 7500 Liter Milch. Noch vor 50 Jahren gab eine Kuh maximal die Hälfte. 50 Tüten Milch, so sieht die Tagesleistung einer einzelnen Kuh heute abgepackt aus. Im modernen Hochleistungsbetrieb muss ein Rind die gleiche Herzleistungsarbeit erbringen wie ein menschlicher Athlet, der einen Ironman Triathlon absolviert. Mit dem Unterschied, dass so ein Athlet sich jahrelang darauf vorbereitet und eine Kuh dies nicht tun kann. Für die Milchwirtschaft gibt es eine Empfehlung, wie man Kühe halten kann aber keine gesetzlichen Vorgaben wie zum Beispiel bei Schweinen oder Pferden.Die moderne Kuh wird am genetischen Reißbrett entworfen.

 

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Was nicht passt, wird passend gezüchtet. Jede Kuh kann dann ersteigert werden. Um die Kühe noch leistungsfähiger zu machen, experimentieren die Forscher am lebenden Objekt. Die neuste Methode ist ein Loch im Magen. Angeblich, völlig schmerzfrei. Dadurch werden Proben direkt aus dem Magen entnommen und untersucht. So wird ermittelt, welches Futter am besten zum Tier passt.Das deutsche Tiergesetz gibt in diesem Bereich kauf Aufschlüsse. Es gibt keine verbindlichen Verordnungen, die die Tiere schützen. Zu solch einer Regelung gehört ein Verbot des betäubungslosen Enthornens, ein Verzicht auf einseitige Zucht, auf Hochleistung und auf mehr Weidengang für die Tiere. Doch die Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner hält die geltenden Gesetze für ausreichend. Die Bundesländer müssten diese nur konsequenter umsetzen.

Hochleistungskühe. Ein Leben nur für den Profit. Ein Leben das fast immer auf der Schlachtbank endet und nur ganz selten auf einem Gnadenhof.

https://www.youtube.com/watch?v=ggeY5Hwvhw0&feature=youtu.be

Landwirtschaft 2.0 – Das Labor des Bauern

Ein Bauer, der seine Kuh Frieda von Hand melkt war gestern. Heute erfolgt jeder Schritt automatisch und maschinell.

 

Milch ist heute ein Massenprodukt. Ob pur, in Butter, Käse oder Joghurt. Die weiße Flüssigkeit ist nicht mehr wegzudenken.

Mit der Nachfrage stieg auch der Leistungsanspruch an die Bauern. Mehr Milch bedeutet mehr Kühe. Mehr Kühe bedeuten mehr Futter, mehr Platz, mehr „melkende Hände“. Menschen jedoch werden durch Technik ersetzt. Dies spart Zeit und Geld. Bauernhöfe werden aufgerüstet und verwandeln sich in Hightech-Anlagen.

Angefangen hat es bei der Haltungsform. In Mitteleuropa ist dies überwiegend die Stallhaltung. Grundsätzlich gibt es zwei Arten: Anbindehaltung und Laufstallhaltung. Die erste Variante befindet sich in einer Umbauphase und wird in naher Zukunft ganz verschwinden, da diese für die Tiere sehr belastend ist.

Anbindehaltung
Anbindehaltung

Die Kühe werden an einem Platz fixiert und können sich somit nicht frei bewegen. Jedes Tier steht beziehungsweiße liegt auf einem eigenen Platz. An diesem Stand werden die Kühe gemolken und gefüttert. Die Fixierung erfolgt nur im Winter. Die Standfläche besteht aus drei Bereichen. Im vorderen Bereich erfolgt die Fütterung. Das Futter kommt über Tröge zu den Kühen und das Wasser über doppelseitige Tränkebecken. Die Futtertische sind 15 cm höher als die Standfläche, damit die Tiere in einer normalen Körperhaltung essen können. Der mittlere Bereich ist der größte Bereich. Hier liegen oder stehen die Tiere. Der hintere Bereich ist 10 bis 15 cm gesenkt. Hier fällt der Kot und Harn an. Das Melken erfolgt direkt an den Plätzen.

Die zweite Haltung, die Laufstallhaltung, ist hingegen tierfreundlicher.

Hier können sich die Tiere frei bewegen. Es gibt zwei Formen der Laufstallhaltung, einmal der Boxenlaufstall und die Tieflaufställe. Bei der ersten Form hat jede Kuh einen eigenen Liegeplatz. Dieser ist abgetrennt von der Lauffläche. Die Liegeplätze sind entweder eingestreut oder haben besondere Liegematten für die Kühe. Die Tieflaufställe besitzen keine Trennung zwischen Lauf- und Liegefläche. Diese Form benötigt den meisten Platz und die meiste Menge an Stroh, da die gesamte Fläche eingestreut werden muss.

Auch der Melkvorgang läuft mittlerweile nur noch maschinell ab. Der sogenannte Melkstand melkt die Tiere heutzutage ohne jegliche menschliche Hilfe. Dabei gibt es verschiedene Melkstände.

Bei dem Fischgräten Melkstand stehen die Kühe in einem Winkel von etwa 30 Grad zu der Melkgrube. Somit müssen die Kühe, beim Verlassen des Melkstandes, nicht um die Ecke laufen.

Im Gegensatz zu dem Side-by-Side Melkstand, in dem die Kühe in einem Winkel von 90 Grad zu der Melkgrube stehen. Die dritte Art ist das Melkkarussell. 80 Kühe können gleichzeitig auf dem Karussell gemolken werden. Das sogar zwei Mal pro Tag. Das Tier betritt das Karussell, wird an die Melkmaschine angeschlossen und gemolken. Während dieser Zeit dreht sich das Karussell um die eigene Achse. Wenn die Kuh keine Milch mehr gibt, erkennt dies ein Sensor. Dann wird der Melkbecher automatisch abgenommen und die Kuh kann das Karussell verlassen.

Laufstallhaltung
Laufstallhaltung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die vierte Form ist der Tandemmelkstand. Bei dieser Form stehen die Kühe parallel zur Melkgrube. Die Kühe blicken in dieselbe Richtung. Durch spezielle Tore hat jedes Tier eine eigene Box. Somit bekommt jede Kuh die Zeit, die sie braucht. Die Tiere haben die Melkgrube im Blick und sind somit ruhiger. Dieser Melkstand ermöglicht auch einen leichteren Umbau zu voll automatischen Melkanlagen. Der Unterscheid zu alten Melksystemen besteht darin, dass das Melkgeschirr automatisch und ohne manuelle Hilfe an die Kuh angeschlossen wird. Dies erfolgt durch Ultraschall, Laser und einen optischen Sensor. Der Melkapparat funktioniert wie die menschliche Hand, in jedem Becher wird ein pulsierender Unterdruck auf die Zitze erzeugt. Durch den Wechsel von Druck und Entlastung, saugt sie die Milch aus dem Euter. Diese fließt in die Maschine. Dadurch entsteht ein Vakuum, durch das die Milch über den Schlauch in den Auffangballon gelangt. Mit den Händen kann ein Landwirt sechs Kühe pro Stunde melken. Die Maschine schafft in derselben Zeit mehr als hundert.

Die Tiere können sich melken lassen wann sie wollen. Das System nutzt den instinktiven Wunsch des Rindes, Milch zu geben. Jede Kuh besitzt eine eigene Nummer, die im Computer gespeichert wird. Somit erstellt er zu jeder Kuh eine Art Statistik. Wie oft ein Tier Milch gibt, wann welche Kuh gemolken wird und welches Tier sich vor der Melkmaschine gedrückt hat. Betritt eine Kuh das Melksystem wird sie gescannt und ein Roboterarm legt ihr die Melkbecher an. Drückt sich eine Kuh davor, schickt der Computer eine Meldung raus und der Landwirt kann die Kuh anschließend in das System schreiben.

Hightech-Bauernhof. Fast nichts erfolgt mehr ohne Maschinen. Grüne Weiden und grasende Kühe. Dies ist nun Vergangenheit, denn auch die Molkereien sind in der Landwirtschaft 2.0 angekommen.

Titelbild: Lizenz: CC – Flickr.com/stomen